Karl Artelt wurde im später nach Magdeburg eingemeindeten Dorf Salbke in der Repkowstr. 12, als Sohn des Maschinisten August Artelt und seiner Frau Marie geboren. Er besuchte die acht-klassige Volksschule und erlernte von 1904-1908 in der Maschinenfabrik R. Wolf in Magdeburg das Maschinenschlosserhandwerk. Er arbeitete dort zusammen mit dem späteren Dichter Erich Weinert, der ihm auch das "Einmaleins des Marxismus" beibrachte (Quelle Nr. 9, siehe unten).
Er trat 1908 in die SPD ein (9) und wurde später Mitglied der USPD. Im Frühjahr 1919 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der KPD in Magdeburg und 1946 wurde er SED-Mitglied.
Im Jahre 1908 heuerte er bei der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG, eine weltumspannende Schifffahrtsgesellschaft) an und verbrachte u.a. einige Jahre als Heizer auf Schiffen, mit denen in der Südsee Kopra aufgekauft wurde (3, 7, 9). Zwei Jahre später wurde er zur Marine eingezogen und diente als Heizer und später als Pumpenmeister auf dem Panzerkreuzer Gneisenau des deutschen Ostasiengeschwaders in Qingdao (Tsingtau). Er war Zeitzeuge der bürgerlichen Revolution in China unter Dr. Sun Yat-sen (3, 7, 9). Im September 1913 kehrte er als Reservist nach Magdeburg zurück und arbeitete wieder in der Maschinenfabrik Wolf (9).
Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde er Mitte Juli 1914 wieder zur Marine eingezogen, diesmal als Verwaltungsschreiber in der 1. Werft Division Kiel-Wik (7, 9).
Anfang 1915 wurde er als Maschinenbauer zur Kieler Germania-Werft abkommandiert. Dort wurde er nach ein paar Monaten zum Betriebsobmann des Deutschen Metallarbeiter Verbandes für die Werft gewählt (7). Mitte Mai 1916 spitzten sich generell die Kriegssituation und auch die Nahrungsmittelversorgung in Kiel zu. Am 14. Juni kam es bei der Verteilung der ersten Frühkartoffeln zu Übergriffen auf Verkaufsstellen und Lagerhallen. Am folgenden Tag traten Teile der Germania-Werft Belegschaft in den Streik. (12 S. 37) Karl Artelt war einer der Streikführer (7). Im Winter verschlechterte sich die Versorgungslage. Ende März 1917 kam es angesichts einer vorgesehen Senkung der Brotrationen zu einem Ausstand von 1450 Arbeitern der Howaldtswerke und 4000 Arbeitern der Germaniawerft (12, S. 40). Artelt gehörte der Streikleitung an (9). Wegen dieser Aktivitäten wurde er verhaftet, vor ein außerordentliches Kriegsgericht gestellt und zu 6 Monaten Festungshaft verurteilt, die er in der Festungshaftanstalt Groß-Strelitz in Oberschlesien verbüßte (1).
Das Zusammenleben mit verschiedenen Arbeiterfunktionären in der Strafanstalt prägte ihn nachhaltig (9). Auf einem Foto (s.u.) ist er links zusammen mit Prof. Dr. med. Krahn aus Antwerpen und Joseph Verlinden, dem Präsidenten des Metallarbeiterverbandes Belgien sowie Führer der sozialdemokratischen Partei Antwerpens (rechts) abgebildet.
Groß-Strelitz 18.10.1917; Beschreibung siehe Text oben; Familienbesitz (Karl Artelt, Enkel); zum Vergrößern anklicken.
Mit der Entlassung Mitte Dezember 1917 erhielt er zugleich auch den Marschbefehl zur Strafkompanie des 2. Marine-Pionierbataillons nach Flandern (7). Als Artelt gegen ein Flugblatt der Militärzeitung „An Flanderns Küste", in dem die streikenden Munitionsarbeiter in Deutschland nach seiner Aussage aufs schwerste verleumdet wurden, protestierte, wurde er in eine Nervenheilanstalt in Brügge eingewiesen. Doch nach sechswöchiger Beobachtung attestierte der Arzt ihm „kerngesunde Nerven“ (7). Bald darauf wurde er per D-Zug nach Deutschland zurücktransportiert (3, 2). Mitte Mai 1918 schickte er eine Karte aus einem Hamburger Marinelazarett an seine Mutter (11).
Dann wurde er als gefragter Spezialist nach Kiel zurückbeordert. Nach der Meldung beim Divisionskommandeur gab es Schwierigkeiten ihn unterzubringen: von seinem alten Truppenteil wurde er zur Matrosendivision geschickt, wo seine Aufnahme abgelehnt wurde. Über den Hauptmann Ludolf, der ihn aus seinem Prozess 1917 kannte, wurde er in der Torpedodivision (Kasernenanlage in Kiel-Wik) untergebracht und war dann dort in der Torpedobootsreparaturwerft tätig (Anm. 1) (2, 3). Als Pumpenspezialist führte er dort eine Kolonne zur Marine eingezogener Werftarbeiter (2, 3). Von hier aus baute er den im Jahre 1917 zerschlagenen Vertrauensmännerkörper in der Marine wieder auf (7, 2) (Anm. 2).
Trotz der scharfen politischen Gegensätze wurde Artelt auch von Noske mit Respekt begegnet: Noske schrieb in "Von Kiel bis Kapp" (S. 52) über ihn: "....er [Lothar Popp] wurde durch den inaktiven Oberheizer Artelt ersetzt, einen persönlich anständigen Mann, der jedoch rasch an Einfluß verlor, als er versuchte spartakistische Ideen zu propagieren." Artelt kam mit seiner Forderung, eine schlagkräftige revolutionäre Truppe aufzubauen, nicht durch (7) – die Machtverhältnisse hatten sich u.a. durch die Demobilisierung grundlegend verschoben - und trat am 5.1.1919 als Vorsitzender des Obersten Soldatenrats zurück (12).
Er kehrte daraufhin nach Magdeburg zurück und fand vorübergehend Unterkommen bei einer befreundeten Familie in Alt-Salbke 93 (13). Dort gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der KPD Mitte Februar 1919 (7) und wurde im März desselben Jahres in den Arbeiterrat gewählt. Er beteiligte sich an den Kämpfen zur Errichtung der Räterepublik und gegen das Freicorps Maercker (7, 8) und sprach vom Balkon des Regierungsgebäudes am Domplatz zu den Streikenden (11). Nach den Kämpfen tauchte er, zunächst unter falschem Namen, in Nebra an der Unstrut unter (9).
Als Sekretär der KPD im Unterbezirk Merseburg/Querfurt leitete er 1920 die Kämpfe zur Abwehr des Kapp-Lüttwitz-Putsches. Im Jahr 1921 beteiligte er sich an den Märzkämpfen in Mitteldeutschland. Er wurde in Haft genommen und erst am 22. August 1921 aus dem Gefängnis Naumburg entlassen (7).
Als Parteisekretär in Düsseldorf-Mörs, wurde er von der belgischen Besatzungsbehörde verhaftet und wegen politischer Umtriebe gegen die Besatzungsmacht vor einem außerordentlichen Kriegsgericht in Aachen angeklagt. Er kam in das Internierungslager Rhein Dahlen. Von der interalliierten Kommission wurde er dann an den Oberreichsanwalt ausgeliefert (7).
In den folgenden Jahren war er Bezirkssekretär der Kommunistischen Partei in Bielefeld und Kassel (9).
Im Jahr 1924 im Alter von nunmehr 34 Jahren wurde er Betriebsratsvorsitzender der Firma Schneider in Nebra. Wegen Lohnforderungen bei denen die Arbeitsgerichte Naumburg, Jena und Berlin der Belegschaft Recht gaben, wurde der Betrieb geschlossen. Bei der späteren Neueröffnung wurde der Betriebsrat nicht wieder eingestellt (7).
Mitte der 1920er Jahre wurde er Handelsvertreter, machte sich bald darauf selbstständig und arbeitete bis Ende 1943 als unabhängiger Kaufmann in Nebra (7).
Artelt wurde 1933 verhaftet und sollte inhaftiert werden. Aber als der leitende Offizier ihn als ehemaligen Marinekameraden erkannte, wurde dies nicht durchgeführt. Er musste sich künftig täglich 12 Uhr bei der Polizei melden und durfte Nebra nicht verlassen. In gewissen Zeitabständen wurde er auch verhaftet und verhört aber wieder freigelassen. Ende 1943 wurde er in die Mineralölwerke Lützkendorf kriegsdienstverpflichtet. Dort stand er wiederum unter Gestapoaufsicht (7).
Nach dem Ende des II. Weltkrieges gehörte Artelt zu den Initiatoren der Vereinigung von KPD und SPD zur SED im Kreis Querfurt und wurde dort als 1. Kreissekretär eingesetzt (7).
Karl Artelt als Erster Kreissekretär der KPD bzw. SED des Kreises Querfurt/Sachsen-Anhalt, zweite Hälfte der 1940er Jahre; Familienbesitz (Karl Artelt, Enkel); zum Vergrößern anklicken.
Von 1948 bis 1949 war er Kreistagsvorsitzender und wurde dann 1.Kreissekretär der Volkskongreßbewegung der späteren Nationalen Front (7).
lm November 1948 sprach Artelt mit Genehmigung der sowjetischen und englischen Besatzungsbehörden auf sieben Großkundgebungen in Kiel und Umgebung aus Anlaß der 30-Jahrfeier des Kieler Matrosenaufstandes (7).
In den 1960/70er Jahren referierte der inzwischen hoch Dekorierte in Betrieben, Schulen etc. über seine bewegte revolutionäre Vergangenheit (9).
Karl Artelt als „Roter Admiral“, 1964;
Familienbesitz, Enkel Hans-Holger Artelt;
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Karl Artelt auf Vortragsveranstaltungen; links: 1958 in Stralsund, Familienbesitz, Enkel Karl Artelt;
rechts: ca. 1965, Familienbesitz, Enkel Hans-Holger Artelt;
zum Vergrößern anklicken.
Ab Mitte 1980 bis zu seinem Tod am 28.9.1981
lebte er in dem Seniorenheim "Clara Zetkin" in Halle/Saale
(9).
Anm. 1:
Nach Dirk Dähnhardt, Revolution in Kiel (S. 56) arbeitete
Artelt in der Torpedowerkstatt Friedrichsort. Hier ist Dähnhardt
offenbar ein Übertragungsfehler unterlaufen: In den Quellen,
auf die er sich bezieht und in dem Bericht im Bundesarchiv (s.u.)
wird eindeutig von der Torpedobootsreparaturwerkstatt oder -werft
in Kiel Wik gesprochen. Robert Rosentreter, Blaujacken im Novembersturm
(S. 32) scheint diese Information einfach übernommen zu haben,
obwohl er sich auf Aussagen Artelts von 1960 bezieht.
Anm. 2:
Auch Hermann Knüfken berichtet in „Von Kiel bis Leningrad“
(Verlag BasisDruck, Berlin 2008) von einem Neuaufbau des Vertrauensleutekörpers
in der Marine (S. 32 ff.).
Anm. 3:
Informationen von Karl Artelt, Enkel: Bei dem Marineangehörigen,
dritter von rechts mit Mantel und Säbel handelt es sich um
meinen Großvater. Er war klein bzw. vielleicht auch „mittelgroß".
Anlässlich des 50. Jahrestages des Kieler Matrosenaufstandes
wurde ich, damals Student am Institut für Literatur "Johannes
R. Becher" in Leipzig, gebeten, zwei ganzseitige Wochenendbeiträge
über dieses historische Ereignis für die Magdeburger
Zeitung „Volksstimme" zu schreiben. Da kamen natürlich
auch sogenannte „Nebensächlichkeiten" zur Sprache.
Deshalb erinnere ich mich sehr genau, dass er mir u.a. sagte,
dass er während des Aufstandes mit einer Pistole 08 bewaffnet
war, da er mit einem Gewehr „nie so richtig klargekommen
sei." (Er hatte ein angeborenes Augenleiden.)
Da er 1945 von der sowjetischen Militäradministration als
I. Kreis-Sekretär der KPD auch eine Pistole 08 erhielt, haben
wir beide uns später einmal über die merkwürdige
Übereinstimmung unterhalten.
Der Mariner in der Mitte, der von anderen als Karl Artelt identifiziert
wurde, kommt nicht in Frage. Diejenigen, die noch Zweifel haben,
sollten einmal den Artelt auf der „Gneisenau" 1912
und den mit Mantel, sechs Jahre älter, durch Kiel marschierend,
vergleichen.Mit ca. drei Jahren habe ich das Gesicht meines Großvaters
bewußt wahrgenommen und war insgesamt 39 Jahre mit ihm eng
verbunden. (Zehn Jahre mit in seinem Haus gewohnt, acht Jahre
in der Nähe seines Wohnortes Nebra gelebt und an den Wochenenden
bei ihm gewesen. Später, von Magdeburg aus, ihn sehr häufig
besucht. Lange Gespräche mit ihm geführt, auch über
Po¬litik und Geschichte.)
Eine kleine Episode: Als 1. Kreissekretär der KPD besaß
er 1945 eine Pistole 08. Sie lag manchmal in der Küche auf
einem Stuhl und wenn ich sie neugierig beäugte, sagte Oma:
"Heiß, nicht anfassen!" - Spätere Jahre darauf
angesprochen, sagte er zu mir: „So eine hatte ich auch in
Kiel." - „Kein Gewehr?" - „Ein Gewehr hatte
ich nur 1914." (Da war er Schreiber - Rekrut ,1 .Werftdivision,
Kiel - Wik .August bis Dezember 1914.)
Also: […] Das, was ich aber hundertprozentig weiß,
ist, dass der Mann. vorn in der Mitte, mit Mantel, mein Großvater
Karl Artelt ist. Hundertprozentig!
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Last updated 15.3.11